Wir sind erst einen Tag in Bulgarien, aber die Eindrücke des heutigen Tages haben uns fast erdrückt. Wegen der langen Etappe sind wir schon um sieben losmarschiert, mit einem Weckerl mit Schafsverschiertem als Frühstück. Mit der Sprache brauchts wieder ein paar Tage, dann werden wir auch Crema kriegen, wenn wir Crema wollen. Von Bregovo nach Vidin geht man teilweise der Donau entlang, teilweise durch die Landschaft und passiert dabei mehrere Orte, einer davon heißt Florentin. St. Florian sozusagen.
Die Armut, die in diesen Orten zu sehen und zu spüren ist, beklemmt uns sehr. In Novo Selo ist dieses Wochenende Ortsfest. Dies ist mit einem Kirtag zu vergleichen und es wird im Sommer in jedem Ort einmal abgehalten. Die Kinder können mit einem Trettraktor fahren, die Jugend kauft sich Chinaschmuck um einige Cent und die Erwachsenen trinken Bier. Nicht alle, viele gehen nur hin und her und schauen und plaudern. Wir sitzen im Kaffeehausgarten, gleich neben uns wird eine Bratstation aufgebaut. Ein junger Mann mit Kochhose, ein Mädchen und ein Herr mit Kochjacke. Ob wir englisch sprechen, fragt uns der Herr, und das war der Beginn eines spannenden Gespräches. Mick Cooper, so heißt der Herr, ist Engländer. Er war in der Ausbildung im Tourismusschulen tätig und als er einmal nach Bulgarien kam und diese Armut sah, wollte er etwas dagegen tun und ist wiedergekommen. Er kümmert sich um Kinder und Jugendliche aus einem Kinderheim in der Nähe. Kinder ohne Eltern, Kinder die den Eltern von der Behörde abgenommen werden, weil die Eltern nicht in der Lage sind, sich um sie zu kümmern und Kinder, die von Eltern weggegeben werden, weil sie nicht für sie sorgen können. Mick lernt den Jugendlichen kochen, vermittelt Basiswissen über Tourismus, und lernt ihnen, selbst aktiv zu sein und etwas zu machen. So wie heute am Burgerstand. Die beiden Kids haben am Donnerstag 300 Burger gemacht, werden sie heute braten und den Gästen verkaufen. Der Ertrag ist ein Beitrag zu einer für Herbst geplanten Reise nach England. Die Kinder sollen motiviert werden, durch Arbeit und Leistung etwas zu schaffen, um später auf eigenen Beinen stehen zu können. Mick bemüht sich auch, in Vidin den Tourismus aufzubauen, zum Einen, damit seine Schützlinge einen Job bekommen können, zum Anderen, damit Geld in den Ort kommt. Die Landschaft um Vidin ist wirklich reizvoll, aber wie man mit einem Touristen umgehen soll, das weiss hier fast niemand.
www.phoenix-inspire.org
Die Region Vidin, wo wir gerade sind, ist die Ärmste in der Europäischen Union. Es gibt hier kaum Industrie, nur Landwirtschaft, die besten Gründe sind im Besitz von einigen Wenigen, die Menge der Leute hat nichts. Arbeit gibt es praktisch keine, wer Arbeit hat bekommt 150 bis 200 Euro im Monat. 80% !! der jungen Mädchen landen in der Prostitution, viele davon bei uns im Westen, was anstatt im versprochenen Paradies in Zwangsprostitution endet. Verkauft wie Ware, von einem Besitzer zum Anderen.
Ungefähr 600 km lang ist die Donau die Grenze zwischen Bulgarien und Rumänien und es gibt nur eine einzige Brücke, in Ruse. Zwischen Vidin und Calafat (RO) wird eine neue Brücke gebaut. Diese hätte schon 2010 fertig werden sollen – ist sie nicht.







Pingback: Zu Fuß durch Europa « Zaubertal
Liebe Bea, Lieber Florian,
euer Blog gehört schon seit langem zu meiner täglichen Routine und ich freu mich immer schon darauf von euch zu lesen. Was ihr schreibt gibt mir aber sehr zu denken. Mitten in Europa zu sein und soviel Armut zu begegnen erscheint irgendwie verrückt. Man wird auf jeden Fall demütiger gegenüber all seinen eigenen Problemen, die sich dagegen klein und unbedeutend ausmachen. Die Gesichte von Mick Cooper beeindruckt mich sehr und ich frage mich, wie man solche Leute unterstützen kann. Hättet ihr eine Idee?
LIebe Grüße
Silvia